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Von Steffen Kistmacher, Trainingstherapeut und Mitinhaber von Exeo – Physiotherapie, Reha und Training
Heute war ich Gast beim 5. Dr. Erler Physiotherapietag in Nürnberg. Thema: Hüfterkrankungen — konservativ, operativ, rehabilitativ. Und ich war nicht als Zuschauer dort, sondern als jemand, der täglich mit dem arbeitet, was nach dem OP-Saal passiert.
Was mich mitgenommen hat: nicht die einzelnen Vorträge, sondern das, was zwischen ihnen sichtbar wurde. Nämlich wie viel sich verändert, wenn Klinik und ambulante Therapie dieselbe Sprache sprechen.
Die Erler Kliniken — was die Zahlen sagen
Bevor ich auf die Inhalte des Tages eingehe, ein paar Fakten zur Einordnung.
Die Dr. Erler Kliniken in Nürnberg führten 2022 insgesamt 884 Hüft-Erstimplantationen durch. 2023 waren es bereits 1.055. Das Endoprothesenregister Deutschland (EPRD), das diese Zahlen auswertet, bestätigt dabei Qualitätskennzahlen, die deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt liegen: Bei 424 ausgewerteten Erstimplantationen in einem Quartal wären statistisch rund 14 Folgeeingriffe zu erwarten gewesen — es waren 10. Bei infektionsbedingten Komplikationen liegt die Rate weniger als halb so hoch wie im Bundesdurchschnitt.
Das sind keine Marketingzahlen. Das sind Abrechnungsdaten aus dem größten deutschen Endoprothesenregister, methodisch valide, risikoadjustiert, öffentlich zugänglich.
Für uns als ambulante Reha-Praxis ist das relevant. Wer weiß, wie gut eine Klinik implantiert, kann besser einschätzen, was die Patienten mitbringen, die zu uns kommen.

AMIS — was der Zugang mit der Rehabilitation zu tun hat
Der Hauptvortrag des Tages kam von Dr. Dimitrios Vlachos, Leitender Arzt der Klinik für Orthopädie. Er stellte die AMIS-Methode vor — Anterior Minimally Invasive Surgery, einen anterioren Zugang, der das Hüftgelenk von vorne erschließt, ohne die Glutealmuskulatur zu durchtrennen oder abzulösen.
Das klingt zunächst wie ein operationstechnisches Detail. Es ist keins.
Damm et al. (2018) haben am instrumentierten Hüftimplantat in vivo gemessen, was mit der Glutealmuskulatur passiert, wenn ein direkter lateraler Zugang gewählt wird: Das Gluteus-Minimus-Volumen sinkt 3 Monate postoperativ um 25%, das Lean-Muscle-Volume um 28% — und dieser Verlust korreliert direkt mit erhöhten Gelenkkontaktkräften bei allen getesteten Alltagsbewegungen: Gehen, Treppensteigen, Aufstehen vom Stuhl.
Ein methodischer Hinweis ist hier angebracht: Damm 2018 hat den direkten lateralen Zugang untersucht, nicht AMIS. Die Übertragung der Befunde auf den anterioren Zugang ist biomechanisch plausibel — AMIS schont die Glutealregion strukturell stärker — aber ein direkter Studienvergleich liegt im Corpus derzeit nicht vor. Was wir sagen können: Der Zugangsweg beeinflusst den Muskelstatus, und der Muskelstatus beeinflusst die Gelenklast. AMIS setzt an dieser Kette früher an.
Für die Trainingstherapie bedeutet das: Mit dem Zugang beginnt die Rehabilitation — nicht erst mit der Entlassung.
Was in der frühen Phase wirklich passiert
Ein weiteres Thema, das den Tag durchzog: Nachbehandlung nach Hüft-TEP — konkret, was in den ersten Wochen erlaubt ist und was nicht.
Hier hat sich in den letzten Jahren viel verändert. Die Datenlage aus RSA-Studien (Radiostereometrie) ist inzwischen konsistent: Sofortige Vollbelastung nach zementfreier Press-fit-TEP erhöht weder die frühe Implantatmigration noch das Revisionsrisiko gegenüber Teilbelastung. Die Migration findet hauptsächlich in den ersten drei Monaten statt und stabilisiert sich dann — unabhängig davon, ob der Patient sofort voll belastet oder nicht.
Das klingt nach einer Entlastung. Ist es aber nur halb. Denn die relevante Variable ist nicht, ob Gewicht auf dem Bein ist, sondern welche Kräfte und Momente dabei am Interface wirken. Und das hängt von der Muskelqualität, dem Gangbild, der Kadenz und der Aufgabe ab.
Ein Patient mit gut erhaltenem Gluteus medius und symmetrischem Gangbild belastet sein Implantat bei gleicher Schrittlänge anders als ein Patient mit deutlichem Trendelenburg-Zeichen. Diese Personen-Variabilität — nachgewiesen durch Bergmann und Kollegen — ist der Grund, warum pauschale Belastungsempfehlungen nur ein Ausgangspunkt sein können, kein Endpunkt.
Was Sport mit der Prothese macht — und was nicht
Ein dritter Strang des Tages, der für Exeo besonders relevant ist: die Frage nach dem Langzeitverhalten unter sportlicher Belastung.
Die SAFE-T-Studie (Shah et al., British Journal of Sports Medicine 2025) hat das bisher am direktesten untersucht: Über 10 Jahre Follow-up zeigte sich keine signifikante Assoziation zwischen der Aktivitätsintensität — von leichter bis hochintensiver Belastung — und der Revisionsrate. Bestimmte Aktivitäten wie Snowboarden, Squash oder Backpacking waren mit gelegentlichen Hüftschmerzen assoziiert, aber nicht mit Implantatversagen.
Das ist eine wichtige Aussage für das Patientengespräch. Und gleichzeitig eine, die Grenzen hat: Nur 11% der Patienten in SAFE-T haben hochintensive Aktivitäten überhaupt ausgeübt. Die Aussage „kein erhöhtes Revisionsrisiko“ gilt für die Gruppe, die tatsächlich sportlich aktiv war — sie erlaubt keine Aussage darüber, was bei konsequent hochvolumigem Training über viele Jahre passiert.
Was wir sagen können: Bewegung und Training schaden der modernen Endoprothese nicht. Gezieltes Krafttraining verbessert die neuromuskuläre Kontrolle, was die Gelenklast bei gleichem Aktivitätsniveau senkt.
Warum dieser Tag für Exeo relevant war
Wir begleiten Patienten nach Hüft-TEP von der frühen Stabilisierungsphase bis zur Rückkehr zu Sport, Alltag und Beruf. Was an einem Tag wie dem Physiotherapietag passiert, ist für uns praktisch relevant: Wir erfahren, welche Zugänge aktuell gewählt werden, welche Nachbehandlungsphilosophie die Klinik verfolgt, und wo die offenen Fragen liegen.
OA Dr. Alexander Mahnke, mit dem wir im Mai im TV Vital Erlangen bereits den Vortrag „Vom Schmerz zur Stärke — Bewegung und Sport mit der neuen Hüfte“ gehalten haben, hat uns heute eingeladen. Das ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis eines Austauschs, der sich über Monate entwickelt hat und der auf einer gemeinsamen Grundannahme beruht: Gute Endoprothetik endet nicht im OP.
Exeo Training und Therapie | Partnerpraxis TV 1848 Erlangen | Drei Standorte in Erlangen | www.exeo-training.de
Veranstaltungsnachlese · 11. Mai 2026 · TV Vital Erlangen
Eine Aufarbeitung des Vortragsabends mit Dr. Alexander Mahnke (Dr. Erler Kliniken) und Steffen Kistmacher (Exeo Training und Therapie). Was die OrthoLoad-Daten der Berliner Charité über Belastungen am Hüftimplantat verraten — und warum die ersten drei Monate nach einer zementfreien Hüft-TEP weder Stillstand noch Freifahrtschein bedeuten.
Eine Veranstaltung von TV 1848 Erlangen und Exeo Training und Therapie in Kooperation mit den Dr. Erler Kliniken · im Rahmen des 25-jährigen TV-Vital-Jubiläums.
Das Video zum Vortrag:
Am Sonntagabend ist es bei TV Vital voll geworden. Patientinnen und Patienten, Trainierende, Angehörige — die Reihen haben sich gefüllt, weil die Frage offenbar eine ist, die viele beschäftigt: Was geht nach einer Hüftprothese eigentlich wirklich, und ab wann? Wir haben versucht, eine Antwort zu geben, die nicht bei „erlaubt / verboten“ stehen bleibt, sondern auf das schaut, was tatsächlich am Implantat passiert. Hier die wichtigsten Inhalte und Schlüsse für alle, die nicht dabei sein konnten.
Die Eröffnungsfrage: Beinpresse oder Einbeinstand?
Was belastet eine Hüfte mehr — die Beinpresse mit 80 Prozent des Körpergewichts oder der Stand auf dem operierten Bein mit gegenseitigem Schwingen?
Die meisten Hände im Saal zeigten auf die Beinpresse. Klingt nachvollziehbar: viel Gewicht, viel Last. Die richtige Antwort ist eine andere — und sie ist der rote Faden des Abends gewesen. Bevor wir dahin kommen, ein Schritt zurück zur Anatomie.
Was passiert eigentlich bei einer Hüft-TEP?
Dr. Mahnke hat den medizinischen Teil eröffnet. Kern des Problems bei Hüftarthrose ist immer derselbe: Knorpel kann nicht heilen. Das hat John Hunter schon vor 250 Jahren formuliert, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Wenn der Knorpel an der Hüfte einmal kaputt ist, schreitet der Verschleiß über die Jahre unweigerlich voran — anders als am Knie lässt sich am Hüftgelenk durch den Formschluss der Kugel in der Pfanne chirurgisch nichts mehr am Knorpel retten.
Die Folge sind die zwei klassischen Symptome: Schmerz (klassisch das C-Zeichen — Leiste, vordere Oberschenkelseite, Pobacke) und Bewegungseinschränkung (vor allem Streckung und Abspreizung). Lebensstilanpassung, Physiotherapie und NSAR können die Symptome eine Weile dämpfen — die anatomischen Veränderungen, also die Knochenwucherungen rund um Pfanne und Kopf, bekommt man konservativ nicht weg.
Bleibt am Ende die Hüft-Total-Endoprothese: Ersatz beider Gelenkpartner durch vier Komponenten — Pfanne (Titanlegierung, beschichtet), Pfanneneinsatz (hochvernetzter Kunststoff), Kugelkopf (Keramik) und Schaft. Bei guter Knochenqualität wird zementfrei versorgt — der Knochen wächst an die beschichtete Oberfläche an. Bei Patientinnen und Patienten ab etwa 75 wird häufiger zementiert; ab dem ersten Tag fest verankert, aber mit Verschleißpotenzial an der Zement-Knochen-Grenze über 25–30 Jahre.
Für den minimal-invasiven Zugang gilt: Nicht die Schnittlänge ist entscheidend, sondern dass die tiefe Muskulatur geschont und durch Lücken statt durch Verletzung erreicht wird. Vorderer und hinterer Zugang haben jeweils ihre Stärken — wichtig ist, dass der Operateur seinen Zugang beherrscht. Als Daumenregel: über 100 Eingriffe pro Jahr in diesem Zugang. Bei dieser Erfahrung sind die Ein-Jahres-Ergebnisse zwischen den Zugangsvarianten faktisch gleich.
Die Stabilitätslücke: Warum die ersten drei Monate anders sind
Hier wird es interessant — und hier laufen Operation und Trainingstherapie zusammen.
Eine zementfreie Hüftprothese ist am Tag der Operation maximal primärstabil. Der Chirurg fräst und impaktiert die Komponenten in den Knochen — bombenfest, wie ein Nagel in der Wand. Aber: Diese rein mechanische Verankerung nimmt in den folgenden Wochen ab. Mikroresorption am Knochen löst den Pressfit. Gleichzeitig beginnt der Knochen, an die beschichtete Oberfläche anzuwachsen — die sekundäre, biologische Stabilität baut sich auf. Aber langsam.
Mechanismus: Primärstabilität (mechanischer Pressfit) sinkt nach der OP ab. Sekundärstabilität (knöcherne Integration) baut sich erst langsam auf. Dazwischen — in Woche 2 bis 5 — liegt eine Phase, in der die Gesamtverankerung am schwächsten ist. Erst nach etwa 8 bis 12 Wochen erreicht die biologische Stabilität wieder das Ausgangsniveau. Frühe periprothetische Komplikationen treten typischerweise in genau diesem Fenster auf.
Das ist nicht Theorie. Dr. Mahnke hat zwei Röntgenbildverläufe gezeigt: einen Patienten, der nach unauffälliger Operation in dieser kritischen Phase intensiv im Fitnessstudio trainiert hatte, mit Schmerzen wiederkam, eine reaktive Knochenveränderung im Bildgebung zeigte — und nach Rückbau der Belastung eine Knochennarbe ausbildete, die das Implantat wieder fest in den Knochen eingebunden hat. Und eine Patientin, bei der das Anwachsen großflächig ausgeblieben ist; ob hier noch ein Erhalt möglich ist, ist offen. Die ersten drei Monate sind kein Symbolwert. Sie sind biologisch begründet.
Was wirklich auf die Hüfte wirkt — die OrthoLoad-Daten
An der Berliner Charité existiert seit über zwei Jahrzehnten eine Forschungsgruppe um Georg Bergmann und Philipp Damm, die instrumentierte Hüftendoprothesen entwickelt hat. In den Implantaten sind Sensoren verbaut, die die am Schaft wirkenden Kräfte in Echtzeit messen — während die Person geht, Treppen steigt, im Studio trainiert. Über 33.000 Messungen sind unter orthoload.com öffentlich zugänglich. Keine Simulationen, kein FE-Modell. Gemessene Kraftgrößen aus dem lebenden Menschen.
Vor den Zahlen ein Begriff, der für das Verständnis zentral ist: Belastung am Implantat ist nicht gleich Belastung. Drei Lasttypen müssen unterschieden werden.
Stauchung (Druck axial): Wie ein Korken, der senkrecht in die Flasche gedrückt wird. Davon verträgt der heilende Knochen relativ viel. In definierten Größen fördert Stauchung die Osseointegration sogar.
Verschiebung (Scherung): Hebelnde Kraft parallel zur Knochen-Implantat-Grenze. Belastungsspitzen an den Rändern. Davon verträgt der Knochen deutlich weniger.
Verdrehung (Rotation): Wie der Korken, der herausgedreht wird. Die kritischste Lastart in der Frühphase — und auch darüber hinaus die ungünstigste. Brustschwimmen, abruptes Drehen auf dem belasteten Bein, Vibrationsplatten gehören in diese Kategorie.
Mit dieser Differenzierung im Kopf werden die Zahlen aussagekräftig. Hier die Hauptbefunde der Charité-Gruppe, gemessen an instrumentierten Schäften beim normalen Alltag und im Training:
| Aktivität | Last am Implantat | Lasttyp |
|---|---|---|
| Beinpresse, 50 % Körpergewicht externe Last | ~1 × KG | Stauchung |
| Beinpresse, 75 % KG externe Last | ~2 × KG | Stauchung |
| Beinpresse, 100 % KG externe Last | ~2,5 × KG | Stauchung |
| Normales Gehen | 2,5 – 4,7 × KG | überw. Stauchung, zyklisch |
| Treppe abwärts (interindividuell) | ~3 – > 6 × KG | Stauchung + Scherung |
| Ruhiger Einbeinstand, kontralaterales Schwingen | 6,3 – 11,5 × KG | Stauchung + hohe Verdrehungsanteile |
Wer die Tabelle sortiert, sieht es sofort: Die Beinpresse, eine geführte Stauchungsübung, liegt in jeder getesteten Konfiguration unterhalb des Niveaus des normalen Gehens. Der ruhige Einbeinstand mit Kontra-Bein-Schwingen — eine Bewegung, die nach „nichts“ aussieht — erzeugt die höchsten Lasten der gesamten Messreihe. Das ist die Antwort auf die Eingangsfrage.
Und es gibt einen zweiten, ebenso wichtigen Befund: die individuelle Streuung. Bergmann und Damm haben 2018 zehn Patientinnen und Patienten beim normalen Gehen im selben Tempo gemessen. Die Spitzenwerte am Implantat schwankten zwischen dem zwei- und nahezu fünffachen Körpergewicht. Gleiche Aktivität, gleiches Tempo — völlig unterschiedliche Last am Knochen-Implantat-Kontakt. Der wesentliche Modulator: die Hüftabduktoren, also die seitliche Gesäßmuskulatur, die das Becken bei jedem Schritt stabilisiert. Wer sie hat, leitet die Last gleichmäßig durch das Implantat. Wer sie nicht hat, erzeugt höhere Spitzen und mehr Scherung.
Welche Last die Hüfte trägt, ist nicht festgeschrieben. Sie ist trainierbar.
Was die Daten für die ersten drei Monate bedeuten
Zwei Schlussfolgerungen sind aus diesen Befunden für die Frühphase nach zementfreier Versorgung direkt ableitbar:
Erstens: Schon der ganz normale Alltag — Gehen, Treppen — fordert die Implantate substanziell. In genau dem Fenster, in dem die Gesamtverankerung am schwächsten ist (Woche 2–5), wirken bei jedem Schritt das 2,5- bis 4,7-fache und bei jeder Stufe abwärts in Einzelfällen das mehr als sechsfache Körpergewicht. Die Zurückhaltung der ersten drei Monate ist deshalb nicht eine kulturelle Konvention. Sie ist die mechanisch begründete Reaktion auf ein Lastprofil, das ohnehin nicht trivial ist.
Zweitens: Wegen der hohen individuellen Streuung kennen wir die tatsächlich wirkende Last bei einem konkreten Menschen nicht. Ein muskelstarker Patient erzeugt vielleicht das Zweifache. Eine Patientin mit reduzierter Glutealmuskulatur erzeugt das Doppelte davon. Im Zweifel müssen wir vom ungünstigeren Fall ausgehen und konservativ planen. Das ist keine Übervorsicht — das ist eine Konsequenz aus der Datenlage.
In den ersten drei Monaten zurückhaltend mit:
- Außenbelastung auf der operierten Seite über das Alltagsmaß hinaus
- Aktivitäten mit hohem Verdrehungsanteil (Brustschwimmen, schnelles Wenden auf belastetem Bein)
- Statisches Stehen auf dem operierten Bein
- Vibrationsplatten, abruptes Absteigen vom Fahrrad im Straßenverkehr
- Beinabspreizer-Geräte mit hoher Last
Was trotzdem trainierbar ist — und zwar hart
Und hier kommt die zweite Botschaft, die im Saal sichtbar überrascht hat: Diese Zurückhaltung gilt nur für die operierte Stelle. Alles, was nicht direkt durch das operierte Hüftgelenk an Kraft hindurchläuft, kann und soll in der Frühphase trainiert werden — die Kraftketten laufen daran vorbei.
In den ersten drei Monaten trainierbar — gerne intensiv:
- Oberkörper komplett: Latzug, Brustpresse, Schulterdrücken, Rudern
- Rumpf: Stabilisations- und Kräftigungsarbeit
- Gesunde Seite einbeinig: Beinpresse, Beinstrecker, Beinbeuger
- Waden beidseits
- Allgemeine Kondition über Oberkörper-Ergometer
Diese Botschaft ist nicht trivial. Die verbreitete Vorstellung, der gesamte Körper müsse nach einer Hüft-OP pausieren, kostet Kraftkapazität, die in Phase 2 dann fehlt. Wer in den ersten drei Monaten klug trainiert, startet nach Monat 3 nicht aus dem Stillstand, sondern aus einem aktiven Prozess. Die gesunde Seite und der Rumpf bauen Kraft auf oder halten sie zumindest — und das ist genau das, was die operierte Seite anschließend braucht, um die Streuung in Richtung der niedrigeren Lastwerte zu verschieben.
Ab Monat 3: Die Frage wechselt
Nach etwa zwölf Wochen ist die Stabilitätslücke überwunden. Die biologische Verankerung trägt. Die Referenz, was zumutbar ist, ist von diesem Punkt an nicht mehr das Schongebot der Frühphase — sondern die Trainingstechnik.
Hier zeigen die OrthoLoad-Daten ihre eigentliche Pointe. Die Werte in der Tabelle — Beinpresse unter dem Niveau des Gehens, auch mit vollem Körpergewicht — gelten nicht für jede Beinpresse. Sie gelten für eine kompetent ausgeführte Beinpresse: mit guter Sitzposition, kontrolliertem Bewegungstempo, der richtigen Hubweite und einem Körper, der die Bewegung führt statt von ihr geführt zu werden. Bei kompromittierter Technik — zu schnell, zu weit, mit Beckenkompensation — kippt die saubere Stauchung in Verschiebungs- und Verdrehungsanteile. Und genau das wollen wir vermeiden.
Krafttraining nach einem Hüftgelenksersatz ist nicht „drauf und los“. Es ist Können vor Belastung.
Die Frage ist nicht, ob man auf die Beinpresse soll. Die Frage ist, ob man die Beinpresse kompetent ausführen kann. Und das ist eine Frage, die ein qualifizierter Trainingstherapeut beantworten kann.
Wann ist „genug Muskulatur“ da?
Die zentrale Frage in der Trainingstherapie nach einer Hüft-TEP ist aus meiner Sicht nicht: Wann ist die Zeit um? Sondern: Wann ist die Muskulatur vorhanden?
Drei Monate sind die untere Grenze aus knöcherner Sicht. Erster Haken. Sie sind die Eintrittskarte zur nächsten Phase, nicht der Startschuss. Was jemanden sportbereit macht, ist nicht die Zeit, sondern Muskulatur, Bewegungskontrolle und Stabilität. Und das Gute daran: Die Frage lässt sich messen.
Ein praktikabler Standpunkt: Einseitige Beinpresse auf der operierten Seite mit ca. 50 Prozent des eigenen Körpergewichts, kontrolliert geführt, ohne Kompensation aus dem Becken, mit sauberer Beinachse.
Warum dieser Wert? Er bildet die Anforderung des Aufstehens aus tiefer Position (etwa vom Boden) ab — Rumpfgewicht plus ein Teil des Oberschenkels plus ein Teil des kontralateralen Oberschenkels lasten dabei auf dem operierten Bein. Wer dies einseitig sauber kontrollieren kann, demonstriert, dass die Muskulatur die Last nicht nur erzeugen, sondern auch führen, abbremsen und beherrschen kann. Das ist die belastbare Grundkraft, ab der weitere Progression sinnvoll wird.
Was kritisch bleibt — auch nach Jahren
Aktivitäten mit hohem Verdrehungsanteil bleiben außerhalb der Komfortzone der Prothese, auch wenn die Knochen-Implantat-Verbindung längst gefestigt ist. Hartes Anhalten auf dem operierten Bein, ruhiger Einbeinstand mit kontralateralem Schwingen (siehe Tabelle), Vibrationstraining, Brustschwimmen — verboten ist davon nichts, aber günstig ist es nicht. Wer Skifahren oder Tennis wieder aufnehmen möchte, sollte den klassischen Stufenplan beachten: Low Impact ab Monat 3, kontrolliertes Krafttraining und moderates Joggen ab Monat 6, High Impact frühestens ab Monat 12. Mit guter Technik und solider Muskulatur ist auch das machbar — und genau dafür sind die modernen Implantate ausgelegt.
Was wir nicht wissen — und warum das wichtig ist
Eine ehrliche Anmerkung am Schluss: Alles, was hier zur Stabilitätslücke, zum Lastprofil am Implantat und zu den Reibmomenten in der Pfanne gesagt wurde, beruht auf gemessenen Daten. Das ist die solide Grundlage.
Stellt man jedoch die Frage, was eine gute Trainingstherapie über fünf bis zehn Jahre für die Lebensdauer einer Prothese tatsächlich verändert — dann müssen wir ehrlich sein: Daten, die kausal Rehabilitationsstrategien mit Spätkomplikationsraten verknüpfen, sind dünn. Wir wissen aus Registerdaten, dass 5 bis 7 Prozent der Patientinnen und Patienten in den Folgejahren stürzen, und dass sich ein gewisser Anteil der Prothesen lockert. Den präzisen Wirkpfad einer bestimmten Trainingsintervention auf diese Endpunkte können wir nicht aus prospektiven Studien herleiten.
Was wir mit gutem Grund annehmen können: Mit erhaltener Grundkraft, mit erhaltener Beweglichkeit, mit kontrolliertem Krafttraining und sinnvoller Progression lassen sich Stürze reduzieren und die mechanischen Voraussetzungen für eine lange Standzeit der Prothese verbessern. Aus einer Geschichte, die mit einer Prothese beginnt, wird so eine kompetente Bewegungsbiografie. Das ist die Hypothese, auf der wir bei Exeo arbeiten — formuliert als Hypothese, nicht als bewiesenes Naturgesetz.
Aus der Q&A — drei Punkte, die im Saal wichtig waren
Präoperatives Training. Ja, sinnvoll — aber realistisch. In den ersten acht bis zwölf Wochen vor der OP entsteht wenig zusätzliche Muskelmasse. Der Gewinn ist primär koordinativ und psychologisch: Bewegungsabläufe sind verinnerlicht, die Wundheilung profitiert von besserer Durchblutung, der Übergang in die Reha gelingt souveräner. Schmerzhafte Belastungen direkt der Hüfte sollten nicht erzwungen werden — alles andere am Körper darf und soll gestärkt werden.
Ergometer zuhause nach acht Wochen. Kein Problem, solange der Leistungsgedanke außen vor bleibt — niedrige Watt, einfach kurbeln. Auf das Straßenrad im Verkehr in dieser Phase verzichten: das Risiko ist nicht die Tretbewegung, sondern das harte Absteigen.
Wann merke ich, dass die Prothese sich lockert? In der Regel zu spät. Schleichende Veränderungen werden subjektiv lange nicht wahrgenommen. Konsequenz: alle zwei bis drei Jahre Röntgenkontrolle. Wie der TÜV beim Auto.
Schluss
Der Saal hat sich an diesem Abend an einer einfachen, aber konsequent durchgezogenen Logik orientiert: Erst die Anatomie verstehen, dann die Heilungsbiologie, dann die tatsächlich am Implantat wirkenden Kräfte — und erst dann die Trainingsempfehlung. Die Empfehlung ist dann keine Konvention mehr und kein Bauchgefühl, sondern eine Ableitung aus messbaren Größen. Sie ist konservativ in den ersten drei Monaten, sie öffnet sich danach schrittweise, und sie bleibt aufmerksam für die Lastarten, mit denen die Prothese auch langfristig nicht gut umgeht.
Das ist die Haltung, mit der wir bei Exeo arbeiten. Und das ist die Schulung, die unser Team aktuell auch den Trainerinnen und Trainern des TV 1848 und TV Vital weitergibt — damit kompetente Begleitung nach einer Hüft-TEP nicht beim Reha-Ende aufhört.
Sie kommen aus der Reha oder bereiten sich auf eine Hüft-OP vor?
Sprechen Sie uns an. Wir begleiten Sie an drei Standorten — von der präoperativen Vorbereitung über die Phase nach der Reha bis zur Rückkehr in Ihren Sport. Mit Trainingstherapeutinnen und -therapeuten, die wissen, was in welcher Phase trägt — und was nicht.
Exeo Training und Therapie · Erlangen · exeo-training.de
Steffen Kistmacher · Trainingstherapeut · Geschäftsführer Exeo Training und Therapie
Mit Dank an Dr. Alexander Mahnke (Dr. Erler Kliniken) für den medizinischen Vortragsteil sowie an Florian Grosch (TV Vital), Susi Bergner (TV 1848 Kraftraum) und Jonathan Lorenz (TV 1848) für Organisation und Moderation.
Datenquellen: OrthoLoad-Datenbank der Charité Berlin (Bergmann, Damm et al.), Damm et al. 2018 zur individuellen Streuung der Hüftbelastung beim Gehen, Vortragsmaterial Dr. Alexander Mahnke (Dr. Erler Kliniken, Mai 2026).
Steffen Kistmacher · Exeo · März 2026
Baseball Prävention und der Wurfarm – das Thema geht mich direkt an. Kürzlich hatte ich ein Gespräch mit dem Coaching-Team der Nürnberger Baseballszene. Die Fragen, die da gestellt wurden, sind dieselben, die ich aus Tennis, Golf, Eishockey kenne: Wie viel ist zu viel? Was soll ich tun, wenn der Arm anfängt zu zwicken? Und was bringt eigentlich das ganze Athletikzeug, wenn man eh nur einmal die Woche trainieren kann?
Ich fasse zusammen, was ich dort gesagt habe. Nicht weil es neu ist – die meisten Informationen liegen seit Jahren offen herum – sondern weil sie offenbar noch immer nicht überall angekommen sind.
Das Wichtigste zuerst: Load Management ist keine Option
Bei allem, was mit Überkopfwürfen zu tun hat, gibt es eine Grundregel, die alles andere überlagert: Zähle, was du tust. In der MLB heißt das Pitch Count. Bei Amateursportlern klingt das vielleicht übertrieben, aber das Prinzip ist dasselbe.
Du kannst so viel Krafttraining machen, wie du willst. Du kannst dich optimal ernähren und gut schlafen. Wenn du 20 oder 30 Bälle zu viel wirfst, kann der Körper das auf Dauer nicht absorbieren. Das ist keine Meinung, das ist Physiologie.
Operationen, die früher selten waren, kommen heute schon bei Jugendlichen. Die Faktoren sind bekannt: zu viele Würfe, zu wenig Pause, zu schneller Wiedereinstieg nach der Off-Season.
Die offiziellen Leitlinien dazu kommen direkt von der MLB: Pitch Smart. Drei bis vier Monate pro Jahr nicht werfen. Davon zwei bis drei Monate am Stück. Und nach einer Pause: langsam aufbauen, nicht von null auf hundert.
Das Throwers Ten: kein Geheimrezept, aber wirksam
Das bekannteste Schulter- und Ellbogenpräventionsprogramm im Wurfbereich heißt Throwers Ten. Zehn Bewegungen. Wenn du jede davon eine Minute machst, bist du in zehn Minuten durch. Das Programm lebt nicht von seiner Eleganz. Es lebt davon, dass es regelmäßig und mit ausreichender Qualität durchgeführt wird.
Für den Kinderbereich: LTAD kennen und ernst nehmen
Für alle, die Kinder und Jugendliche coachen: Das Schlüsselkonzept heißt Long Term Athlete Development (LTAD). Eine frühe Spezialisierung auf eine Sportart führt in der überwältigenden Mehrheit der Fälle dazu, dass Athleten mit 16, 17, 18 wieder abfallen.
Baseball Prävention für den Wurfarm: Was du jetzt tun kannst
Lies Pitch Smart. Führe das Throwers Ten als festes Warm-up ein. Zehn Minuten. Konsistent. Für alle. Entscheide als Trainer-Team gemeinsam: Wie kommunizieren wir das? Wer macht es vor? Wer prüft, ob es gemacht wird?
Steffen Kistmacher ist Physiotherapeut und Athletiktrainer. Exeo begleitet Sportler von Schmerz zu Stärke – durch Diagnostik, Bewegungsschulung und evidenzbasierte Programme.

Text: Steffen Kistmacher | Foto: Maria Bayer
Was mich immer wieder erstaunt, ist, wie selbstverständlich Menschen ihr Hab und Gut pflegen. Häuser werden renoviert, Fenster getauscht, Heizsysteme optimiert. Gärten werden gegossen, geschnitten, gestaltet. Autos bekommen Inspektionstermine, Smart Homes Softwareupdates. Es ist normal: Was uns etwas bedeutet, braucht Zuwendung. Wer ein Haus besitzt, weiß, dass es sich nicht von selbst erhält.
Und der Körper?
Hier scheint diese Logik plötzlich zu enden. Der eigene Körper, auf den wir ein Leben lang angewiesen sind, wird oft vernachlässigt – nicht aus Absicht, sondern aus Gewohnheit. Dabei ist die Datenlage eindeutig und die Weltgesundheitsorganisation sowie alle medizinischen Fachgesellschaften sind sich darüber einig: Wir bewegen uns zu wenig – und das in jedem Alter. Es ist kein individuelles Versäumnis, vielmehr ist es ein strukturelles Muster. Unser Alltag braucht immer weniger körperliche Kraft, sei es beim Schieben des Einkaufswagens oder bei der Fahrt mit dem E-Bike. Wir gleiten heute nahezu durch unseren Alltag und minimieren dabei, wenn möglich, jeglichen Widerstand.
Die Konsequenz begegnet mir täglich. Menschen kommen zu uns mit dem Wunsch nach „mehr“ oder „weniger“: mehr Beweglichkeit, mehr Energie, weniger Schmerzen, weniger Einschränkung. Und wenn wir beginnen, ehrlich auf den Status quo zu schauen, entsteht oft Stille. Denn viele erleben eine tiefe Diskrepanz zwischen dem, was sie über sich dachten, und dem, was ihr Körper tatsächlich kann. Ein 65-jähriger Mann schaut mich an und sagt: „Ich war früher Handballer.“ Dann scheitert er an einer Kniebeuge. Keine Schuld. Kein Versagen. Nur Realität.
Diese Momente berühren mich immer wieder. Weil sie ehrlich sind und weil sie zeigen, wie wenig es im Kern braucht, damit etwas beginnt. Nicht ein heroisches Ziel, sondern eine Entscheidung: Ich übernehme wieder Verantwortung!
Denn Kraft ist nicht Fitness, Kraft ist Lebensfähigkeit. Wer genug davon hat, lebt unabhängig. Wer zu wenig davon hat, verliert schleichend Spielraum. Und dieser Verlust bleibt oft lange unbemerkt, bis er auf einmal spürbar ist: beim Treppensteigen, beim Aufstehen vom Boden, beim Versuch, mit den Enkeln mitzuhalten.
Der altersbedingte Muskelverlust beginnt früh, aber er ist trainierbar. Wer regelmäßig Krafttraining integriert, gewinnt Handlungsspielraum zurück. Es ist keine Frage des Alters. Es ist eine Frage der Haltung.
Dabei verändert sich der Sinn des Trainings über die Lebenszeit. Kinder trainieren spielerisch, Jugendliche aus Bewegungsdrang. Junge Erwachsene wollen sich spüren, formen, beeindrucken. Im mittleren Alter geht es um Substanz, um Erhalt, um Balance, später dann um Autonomie und die Fähigkeit, noch selbstständig zu sein. Es geht darum, noch mitzuwandern, noch etwas zu tragen und irgendwann schließlich um das Wesentlichste: aus eigener Kraft leben zu können – mit Freiheit, mit Kontakt zur Welt und mit Würde.
Ich erinnere mich an eine Frau, 72, die nach einem halben Jahr Training zum ersten Mal wieder allein vom Boden aufstehen konnte. Sie hat nicht gejubelt, sie hat einfach tief durchgeatmet. Es war ein stiller Moment, aber in ihrem Blick lag alles: Stolz, Entlastung, Selbstachtung.
Wir gestalten Training deshalb nicht als To-do-Liste, sondern als Rückgewinnung, als Instandhaltung eines Hauses, das man nie wird verlassen können. Der Körper ist kein Objekt, das man irgendwann abgeben kann. Er ist das Einzige, das mitgeht – bis zum Schluss. Und wie jedes gute Haus verdient auch er Wartung, Pflege und Zuwendung. Training ist daher kein Projekt, es ist vielmehr eine Praxis. Eine, die sich dem Leben anpasst – nicht perfekt, sondern kontinuierlich.
Was hiermit bleibt, ist eine Einladung. Es ist keine große Sache und es ist auch kein Heldentum. Es ist nur die Entscheidung, nicht zu warten, bis der Körper „es nicht mehr kann“. Sondern jetzt zu beginnen – mit dem, was möglich ist und mit dem, was da ist. Und zwar mit der Bereitschaft, die Verantwortung für die eigene Lebensfähigkeit wieder in die Hand zu nehmen.
Wir begleiten. Mit Erfahrung, mit Klarheit und mit Respekt für das, was dieser Weg bedeutet.
Denn am Ende geht es nicht darum, ewig zu leben. Sondern es geht darum, das Leben, das wir haben, nicht früher abzugeben als nötig.
Steffen Kistmacher, Physiotherapeut
Steffen ist Trainingstherapeut und gemeinsam mit Dominik Karl Inhaber der physiotherapeutischen Gemeinschaftspraxis Exeo.
Dieser Beitrag erschien zuerst in der Vereinszeitung des TV 1848 Erlangen e.V. und wird hier mit freundlicher Genehmigung aufgegriffen. Er ist Teil einer fortlaufenden Serie rund um die Wirkung und Rahmenbedingungen von gezielter Trainingstherapie.
Training ist kein Selbstzweck. Es bezieht sich immer auf eine Diagnose, eine konkrete Ausgangssituation und wirkt in Richtung klar benannter Ziele. Gesundheitsorientiertes Training beschreibt damit nicht Bewegung um ihrer selbst willen, sondern eine gezielte Antwort auf eine bekannte gesundheitliche Situation.
Nachdem in den letzten Beiträgen die Wirkung und der Nutzen dieses Ansatzes im Vordergrund standen, geht es heute um die Rahmenbedingungen, in denen Trainingstherapie zukünftig stattfinden wird. Denn Training erfolgt nicht im luftleeren Raum. Es ist eingebettet in gesellschaftliche, arbeitsmarktliche und gesundheitssystemische Strukturen – und genau diese Strukturen werden sich grundlegend verändern. Mit diesem Wissen können wir heute Training gezielt planen und begründen.
Demografie, Arbeitsmarkt, Finanzierung
Ausgangspunkt der Analyse sind die Prognosen zur demografischen Entwicklung. Sie lassen vermuten, wie viele Menschen versorgt werden wollen und wie viele grundsätzlich zur Versorgung beitragen können. Die Bevölkerung wird älter, der Anteil chronisch erkrankter und mehrfach erkrankter Menschen steigt, während die Zahl der Erwerbstätigen sinkt. Das bedeutet: mehr Behandlungsbedarf bei gleichzeitig weniger Beitragszahlern und weniger Arbeitskräften im Gesundheitswesen. Der Versorgungsbedarf steigt damit strukturell, während die personelle und finanzielle Basis schmaler wird – unabhängig davon, wie gut ein Gesundheitssystem organisiert ist. Ein teurer werdendes System muss von immer weniger Menschen getragen werden.
Sichtbare Folgen im Gesundheitssystem
Im Gesundheitssystem ist dieser Druck bereits angekommen. Ärzt:innen, Pflegekräfte, Therapeut:innen sowie Mitarbeitende in Verwaltung und Organisation fehlen flächendeckend. Gleichzeitig erweitert der medizinische Fortschritt die therapeutischen Möglichkeiten, erhöht aber auch Komplexität und Kosten. Ein wachsender Leistungsanspruch trifft damit auf eine strukturell schrumpfende Basis. Die Folgen sind absehbar: steigende Ausgaben, höhere Beiträge, längere Wartezeiten, eingeschränkter Zugang und eine zunehmende Fehleranfälligkeit. Versorgung verschwindet nicht vollständig – sie erfolgt später, knapper und fragmentierter. Internationale Beispiele zeigen, was das konkret bedeutet: lange Wartelisten, verschobene Eingriffe, Priorisierung statt Verfügbarkeit.
Training als persönliche Gesundheitsvorsorge
In einer solchen Situation erhält aktive Prävention eine neue Bedeutung. Nicht als moralische Forderung, sondern als pragmatische Konsequenz. Theoretisch bestehen Möglichkeiten privater Zusatzversicherungen oder medizinischer Behandlungen im Ausland. Für viele Menschen sind diese Optionen jedoch keine realistische Alternative. Gerade dort, wo der Zugang zur regulären Versorgung eingeschränkt ist, entscheidet die eigene körperliche Belastbarkeit zunehmend über Handlungsfähigkeit und Lebensqualität.
Und hier wird gezielte Bewegungstherapie zum zentralen Werkzeug.
Es gibt kein Medikament, das in der Breite eine vergleichbare Wirkung entfaltet wie regelmäßiges Kraft- und Ausdauertraining, wenn es um die Vermeidung typischer Zivilisationskrankheiten geht. Körperliche Aktivität senkt nachweislich das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes, bestimmte Krebsarten und Demenz. Diese Effekte zeigen sich nicht nur bei Gesunden, sondern gerade auch bei Menschen mit bestehenden Erkrankungen: Trainingstherapie reduziert Komplikationen, verkürzt Rehabilitationsphasen, mildert Gebrechen, kann Pflegebedürftigkeit hinauszögern und die Pflege vereinfachen.
Neuere Daten zeigen zudem, dass die gesundheitliche Wirkung intensiver Belastung lange unterschätzt wurde: Kurze Phasen hoher Intensität – etwa im Rahmen von Hochintensitäts-Intervalltraining (HIIT) – können gesundheitlich einem Mehrfachen moderater oder leichter Aktivität entsprechen. Damit wird Training auch für Menschen mit begrenzten zeitlichen Ressourcen relevant – vorausgesetzt, es ist sinnvoll dosiert.
Gezieltes Gesundheitstraining wirkt dabei nicht nur biologisch. Es verschiebt Menschen aus einer passiven Rolle der Versorgung in eine aktive Rolle der Selbstfürsorge. Es reduziert Abhängigkeit, erhöht Selbstständigkeit im Alltag, stärkt körperliche und kognitive Reserve und stabilisiert gesellschaftliche Teilhabe – gerade in einem Umfeld, in dem Versorgung nicht mehr selbstverständlich verfügbar oder vollständig finanzierbar ist.
Individuelle Verantwortung und staatliche Pflicht
Angesichts der zu erwartenden Veränderungen wird Prävention und Gesundheitsförderung zur zentralen Systemstrategie. Jede vermiedene oder verzögerte Erkrankung, jede verkürzte Reha, jede hinausgezögerte Pflegebedürftigkeit entlastet ein ohnehin überlastetes System – personell wie finanziell. Dabei darf der Staat ausdrücklich nicht aus seiner Verantwortung entlassen werden. Investitionen in Prävention, Personalgewinnung und Systemstabilisierung bleiben zentrale politische Aufgaben.
Parallel dazu gilt jedoch: Warten Sie nicht darauf, dass Staat oder Markt das regeln. Die eigene körperliche und kognitive Fitness ist eine Schlüsselressource in einer Welt knapper Versorgungskapazitäten. Therapeutisches Training und strukturierte Bewegungsprogramme sind die zentralen Werkzeuge, um diese Belastbarkeit zu erhalten oder zu erweitern.
Training ist damit eines der wenigen, frei verfügbaren Mittel, um die Defizite eines künftig weiter unter Druck stehenden Gesundheitssystems zumindest teilweise auszugleichen. Nicht als Ersatz für medizinische Versorgung oder Physiotherapie, sondern als Stabilisierung davor, dazwischen und danach. Als individuelle Ressource in einer Zeit, in der kollektive Ressourcen knapper werden.
Die Effekte von regelmäßigem Training entstehen nicht über Nacht. Je länger und regelmäßiger trainiert wird, desto größer sind die Vorteile für Gesundheit und Wohlbefinden. Gleichzeitig gilt: Bereits ein wenig Training ist deutlich besser als gar keines.
Jede Minute intensiver Bewegung ist eine Investition – in Gesundheit und Zukunft.
Dieser Beitrag basiert auf einem Artikel, der in der Vereinszeitung des Turnvereins 1848 Erlangen e.V. erschienen ist.
Steffen Kistmacher, Trainingstherapeut & Physiotherapeut — über Krafttraining im BGM und strukturelle Kraftdefizite Wir waren eingeladen. Vortrag vor BGM-Profis aus Erlangen über ein Thema, das uns täglich beschäftigt: Krafttraining im BGM — und warum es den Unterschied macht. Was wir gesagt haben, und warum es wichtig ist.

Die Einladung
Günther Beyerlorzer, Aufsichtsrat beim TV 1848 Erlangen und langjähriger Vereinskollege, hat uns eingeladen. Ort: das Erlanger Finanzamt. Anlass: ein Vortragsnachmittag des Netzwerks Bewegte Unternehmen Erlangen. Das Netzwerk gibt es seit über zwanzig Jahren. Erlanger Unternehmen, die sich gemeinsam für betriebliche Gesundheitskultur einsetzen — mit Struktur, Commitment und quartalsweisem Austausch. Wer mehr über das Netzwerk wissen will: bewegte-unternehmen-erlangen.com. Im Raum saßen Verantwortliche aus Finanzamt, AOK, Stadt Erlangen, Sparkasse, SBK, ISS Tennenlohe, UKE, den Bezirkskliniken Mittelfranken, dem Landesamt für Lebensmittelsicherheit, dem Amt für Sport und Gesundheitsförderung, der Polizei — Einsatztraining und Dienstsport —, dem TV 1848 und dem DHB Erlangen.

Das Thema
Der Vortrag heißt: Wenn Bewegung nicht stärker macht. Das ist keine Kritik an Bewegung. Es ist eine Unterscheidung, die im BGM selten gemacht wird — und die aus unserer Sicht viel erklärt. Bewegung ist vorhanden. Kapazität fehlt. Wir betreuen aktuell rund 600 Behandlungsfälle pro Woche. Durch alle Altersgruppen, durch alle Diagnosen. Und das Muster, das wir dabei sehen, wiederholt sich: aktive Menschen mit strukturellen Kraftdefiziten. Jemand kommt mit Knieschmerzen nach dem Wandern. Mitte 40, geht regelmäßig ins Studio. Wir messen die Beinstreckerkraft: rechts schwächer als links — und beide Seiten weit unter den Werten, die als Grundlage für diese Aktivität sinnvoll wären. Jemand kommt mit Nackenschmerzen. Macht seit Jahren Yoga. Testing der Hals- und Nackenmuskulatur: kaum belastbar. Ein Steuerberater, der dreimal pro Woche läuft. Krafttest der Kniebeuger: 15 kg — ein Defizit von über 50 % in Relation zum Körpergewicht. Keine Einzelfälle. Das ist das Muster.

Ein strukturelles Problem
Diese Menschen investieren Zeit in ihre Gesundheit. Sie glauben, fit zu sein. Das Fundament trägt nicht. Das ist kein individuelles Problem. Es liegt nicht an der Motivation. Es liegt an den Informationen, die diese Menschen bekommen — und an der Gestaltung der Angebote, in die sie investieren. Und an einem blinden Fleck: Krafttraining im BGM ist systematisch unterrepräsentiert. Kapazität bedeutet: Kann der Körper die Kräfte aufbringen, die eine Aufgabe objektiv verlangt? Nicht im Sport. Im Alltag. Im Beruf. Acht Stunden sitzen, vom Boden aufstehen, eine Last tragen, Treppensteigen. Wenn diese Kapazität nicht reicht, kompensiert der Körper. Fehlende Kraft wird ins Bindegewebe und in die Gelenke geleitet. Haltung ändert sich. Bewegung wird ineffizient. Was heute kompensiert wird, ist die Einschränkung der Zukunft. Und diese Erkenntnis bleibt aus. Man ist aktiv, bewegt sich — und merkt nicht, was fehlt. Das wird erst klar, wenn es zwickt. Oder wenn gemessen wird.
Alter und Trainingsstand sind nicht dasselbe
Im Vortrag haben wir einen Kontrast gesetzt, der im Raum geblieben ist. Mit zunehmendem Alter steigt in Deutschland die Pflegequote deutlich an. Das ist dokumentiert. Gleichzeitig finishten beim Ironman 2025 auf Hawaii Frauen zwischen 55 und 75 Jahren in Zeiten zwischen 10:06 und 13:24 Stunden. Männer zwischen 55 und 75 Jahren zwischen 9:51 und 12:47 Stunden. 3,8 Kilometer schwimmen, 180 Kilometer Rad, 42 Kilometer laufen. Dieselbe Lebensphase. Eine völlig andere Körperwirklichkeit. Das Lebensjahr erklärt den Unterschied nicht. Was den Unterschied erklärt, ist der Trainingsstand. 40 Jahre nichts gemacht — oder 40 Jahre drangeblieben. Deshalb vergleichen wir Messwerte nicht mit Altersgruppen. Wir vergleichen mit Aktivitätsgruppen. Und der Befund: Viele regelmäßig aktive Menschen zeigen Kraftwerte vergleichbar mit Inaktiven. Das ist kein Altersproblem. Das ist ein Trainingsproblem. Und das ist veränderbar.
Was wir messen — und warum Krafttraining im BGM die Lücke schließt
Im Vortrag hatten wir eine Lastzelle dabei. Sie misst isometrische Maximalkraft — was der Körper in einem definierten Zug produzieren kann. Die Messung dauert eine Minute. Wir ordnen den Wert nicht nach Alter ein. Wir ordnen nach Aktivität ein. Die funktionalen Referenzwerte aus der Literatur zeigen, welche Kraft pro Bein — relativ zum Körpergewicht — für welche Aktivitätsgruppe als Grundlage gilt. Was wir dabei sehen: Die Messwerte liegen häufig eine bis zwei Kategorien unter dem, was die Aktivität verlangt. Jemand joggt dreimal die Woche — und manche Muskelgruppen liegen im Bereich bewegt sich. Jemand fährt jedes Wochenende Ski — und liegt im Inaktiv-Bereich. Man kann seitengleich sein — und trotzdem zu schwach. Die Literatur beschreibt das als symmetrisch, aber schwach. Beide Seiten gleich stark. Aber beide unter dem, was die Aktivität braucht. Das ist kein gutes Ergebnis. Das ist ein verstecktes Defizit — es zeigt sich nicht im Alltag, sondern erst in der Diagnostik. Die Referenzwerte stammen aus isokinetischen Testprotokollen der Sportmedizin. Eine aktuelle Übersicht: Normative lower-limb strength and LSI benchmarks. Unsere Lastzelle misst isometrisch — die Größenordnungen sind vergleichbar, wir nutzen die Werte als funktionale Referenz, nicht als diagnostische Grenzwerte.

Bewegung ist nicht Training
Warum sehen wir diese Defizite, obwohl Menschen aktiv sind? Die Antwort liegt in einem Unterschied, der in der Sportwissenschaft klar definiert ist — im Alltag aber oft verschwimmt. Bewegung ist alles, was wir tun. Training ist überschwellig, planvoll und progressiv. Der Körper passt sich nur an, wenn er ausreichend gefordert wird. Diese Forderung muss wachsen. Sonst bleibt der Ist-Zustand, wie er ist. Wir haben im Vortrag uns selbst ausdrücklich miteingeschlossen: Ein großer Teil der Angebote, die wir im TV 1848 — und die wir selbst bei exeo — bereitstellen, sind Bewegung. Das ist nicht falsch. Aber es reicht nicht, wenn das Ziel Kapazitätsentwicklung sein soll. Wer Bewegung anbietet, tut Gutes. Wer Training anbietet, verändert etwas. Wer Krafttraining im BGM als Kern verankert, schafft die Grundlage für alles andere.
Warum Intensität entscheidend ist — und Kraft den Zugang schafft
2025 erschien in Nature Communications eine Studie mit über 73.000 Erwachsenen. Gerätebasierte Messung via Wearables, acht Jahre Follow-up, harte klinische Endpunkte: Gesamtmortalität, Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes, Krebs. Die Frage: Wie viel moderate oder leichte Aktivität erzielt denselben gesundheitlichen Effekt wie eine Minute intensiver Bewegung? 1 Minute intensiv = 4 bis 9 Minuten moderat = 53 bis 156 Minuten leicht. Die WHO-Empfehlung kannte bisher einen Faktor von 1:2 — abgeleitet aus Selbstberichten. Der gemessene Faktor liegt bei 1:4 bis 1:9. Das ist keine Kritik an leichter Aktivität. Aber sie hat eine Wirkungsgrenze, die intensive Bewegung nicht hat. Und wer die körperliche Kapazität nicht hat, bleibt in der leichten Zone — nicht aus Entscheidung, sondern weil der Körper nicht mehr kann. Intensität setzt Kapazität voraus. Ausdauer setzt Kapazität voraus. Jede Form von Selbstforderung setzt voraus, dass der Körper dazu in der Lage ist. Strukturiertes Krafttraining ist der systematischste und zuverlässigste Weg, diese Kapazität aufzubauen. Und oft der einzige Weg, sie gezielt zu steigern. Kraft ist nicht das Ziel. Kraft ist der Zugang.
Krafttraining im BGM: Drei Entscheidungen für Verantwortliche
Am Ende des Vortrags haben wir drei konkrete Schlussfolgerungen formuliert — keine allgemeinen Empfehlungen, sondern Entscheidungen, die BGM-Verantwortliche heute treffen können. 1. Mehr Angebote mit echtem Kraftfokus. Kraft ist der unterrepräsentierte Hebel. Die meisten Programme bieten Bewegung, Ausdauer, Entspannung, Wissen. Strukturiertes Krafttraining ist selten — obwohl es die Grundlage für alles andere ist. Nicht als Ergänzung. Als Kern. 2. Wenn Kraft draufsteht, muss Kraft drin sein. Ausreichende Last, steigende Anforderung, kein Kurs, der auf demselben Niveau stagniert. Ein Angebot, das Kraft verspricht, aber weder Intensität noch Progression enthält, ist kein Kraftangebot. Es ist Bewegung mit anderem Namen. 3. Prüfen, ob etwas passiert: Eingangs- und Ausgangstest. Eine einfache Kraftmessung dauert eine Minute. Zwei Werte — zu Beginn und am Ende eines Programms. Kein Labor, kein aufwendiges Equipment. Das ist kein Kontrollmechanismus. Es ist der Unterschied zwischen einem Angebot, das behauptet, es verändere etwas — und einem, das es weiß. Diese drei Entscheidungen sind unabhängig voneinander. Man kann mit einer beginnen. Zusammen beschreiben sie, was ein wirksames Kraftangebot im BGM von einem gut gemeinten unterscheidet.
Fazit
Aktivierung ist gelungen. Bewegung ist im Alltag vieler Menschen angekommen. Der nächste Schritt ist Wirksamkeit. Und Wirksamkeit beginnt mit Kapazität — mit echtem Krafttraining im BGM. Menschen investieren ihre Zeit. Sie vertrauen darauf, dass es wirkt. Die Aufgabe — unsere und die der BGM-Verantwortlichen im Raum — ist es, dafür zu sorgen, dass es das auch tut. Sie sollten Kapazität zurückbekommen. Das Netzwerk Bewegte Unternehmen Erlangen macht genau das möglich: Strukturen, Austausch, Commitment. Mehr dazu unter zpg-bayern.de/bewegte-unternehmen und bewegte-unternehmen-erlangen.com. Wer Fragen hat oder mehr über unsere Diagnostik, unsere Kraft-Programme oder eine Zusammenarbeit erfahren möchte — wir sind erreichbar.
Quellen
- Biswas et al. (2025): Wearable device-based health equivalence of different physical activity intensities. Nature Communications 16:8315. — https://doi.org/10.1038/s41467-025-63475-2
- Normative lower-limb strength and LSI benchmarks predicting post-knee-surgery return to activity, work, and sport. Undermind Research Report, 2026. — https://app.undermind.ai/report/…
- Netzwerk Bewegte Unternehmen Erlangen. — https://bewegte-unternehmen-erlangen.com/sponsoren-firmennetzwerk/
- ZPG Bayern — Bewegte Unternehmen: Das Erlanger Netzwerk für betriebliche Gesundheitskultur. — https://www.zpg-bayern.de/bewegte-unternehmen-1956.html
Dieser Beitrag erschien zuerst in der Vereinszeitung des TV 1848 Erlangen e.V. und wird hier mit freundlicher Genehmigung aufgegriffen. Er ist Teil einer fortlaufenden Serie rund um die Wirkung und Rahmenbedingungen von gezielter Trainingstherapie.
Training ist kein Selbstzweck. Es bezieht sich immer auf eine Diagnose, eine konkrete Ausgangssituation und wirkt in Richtung klar benannter Ziele. Gesundheitsorientiertes Training beschreibt damit nicht Bewegung um ihrer selbst willen, sondern eine gezielte Antwort auf eine bekannte gesundheitliche Situation.
Nachdem in den letzten Beiträgen die Wirkung und der Nutzen dieses Ansatzes im Vordergrund standen, geht es heute um die Rahmenbedingungen, in denen Trainingstherapie zukünftig stattfinden wird. Denn Training erfolgt nicht im luftleeren Raum. Es ist eingebettet in gesellschaftliche, arbeitsmarktliche und gesundheitssystemische Strukturen – und genau diese Strukturen werden sich grundlegend verändern. Mit diesem Wissen können wir heute Training gezielt planen und begründen.
Demografie, Arbeitsmarkt, Finanzierung
Ausgangspunkt der Analyse sind die Prognosen zur demografischen Entwicklung. Sie lassen vermuten, wie viele Menschen versorgt werden wollen und wie viele grundsätzlich zur Versorgung beitragen können. Die Bevölkerung wird älter, der Anteil chronisch erkrankter und mehrfach erkrankter Menschen steigt, während die Zahl der Erwerbstätigen sinkt. Das bedeutet: mehr Behandlungsbedarf bei gleichzeitig weniger Beitragszahlern und weniger Arbeitskräften im Gesundheitswesen. Der Versorgungsbedarf steigt damit strukturell, während die personelle und finanzielle Basis schmaler wird – unabhängig davon, wie gut ein Gesundheitssystem organisiert ist. Ein teurer werdendes System muss von immer weniger Menschen getragen werden.
Sichtbare Folgen im Gesundheitssystem
Im Gesundheitssystem ist dieser Druck bereits angekommen. Ärzt:innen, Pflegekräfte, Therapeut:innen sowie Mitarbeitende in Verwaltung und Organisation fehlen flächendeckend. Gleichzeitig erweitert der medizinische Fortschritt die therapeutischen Möglichkeiten, erhöht aber auch Komplexität und Kosten. Ein wachsender Leistungsanspruch trifft damit auf eine strukturell schrumpfende Basis. Die Folgen sind absehbar: steigende Ausgaben, höhere Beiträge, längere Wartezeiten, eingeschränkter Zugang und eine zunehmende Fehleranfälligkeit. Versorgung verschwindet nicht vollständig – sie erfolgt später, knapper und fragmentierter. Internationale Beispiele zeigen, was das konkret bedeutet: lange Wartelisten, verschobene Eingriffe, Priorisierung statt Verfügbarkeit.
Training als persönliche Gesundheitsvorsorge
In einer solchen Situation erhält aktive Prävention eine neue Bedeutung. Nicht als moralische Forderung, sondern als pragmatische Konsequenz. Theoretisch bestehen Möglichkeiten privater Zusatzversicherungen oder medizinischer Behandlungen im Ausland. Für viele Menschen sind diese Optionen jedoch keine realistische Alternative. Gerade dort, wo der Zugang zur regulären Versorgung eingeschränkt ist, entscheidet die eigene körperliche Belastbarkeit zunehmend über Handlungsfähigkeit und Lebensqualität.
Und hier wird gezielte Bewegungstherapie zum zentralen Werkzeug.
Es gibt kein Medikament, das in der Breite eine vergleichbare Wirkung entfaltet wie regelmäßiges Kraft- und Ausdauertraining, wenn es um die Vermeidung typischer Zivilisationskrankheiten geht. Körperliche Aktivität senkt nachweislich das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes, bestimmte Krebsarten und Demenz. Diese Effekte zeigen sich nicht nur bei Gesunden, sondern gerade auch bei Menschen mit bestehenden Erkrankungen: Trainingstherapie reduziert Komplikationen, verkürzt Rehabilitationsphasen, mildert Gebrechen, kann Pflegebedürftigkeit hinauszögern und die Pflege vereinfachen.
Neuere Daten zeigen zudem, dass die gesundheitliche Wirkung intensiver Belastung lange unterschätzt wurde: Kurze Phasen hoher Intensität – etwa im Rahmen von Hochintensitäts-Intervalltraining (HIIT) – können gesundheitlich einem Mehrfachen moderater oder leichter Aktivität entsprechen. Damit wird Training auch für Menschen mit begrenzten zeitlichen Ressourcen relevant – vorausgesetzt, es ist sinnvoll dosiert.
Gezieltes Gesundheitstraining wirkt dabei nicht nur biologisch. Es verschiebt Menschen aus einer passiven Rolle der Versorgung in eine aktive Rolle der Selbstfürsorge. Es reduziert Abhängigkeit, erhöht Selbstständigkeit im Alltag, stärkt körperliche und kognitive Reserve und stabilisiert gesellschaftliche Teilhabe – gerade in einem Umfeld, in dem Versorgung nicht mehr selbstverständlich verfügbar oder vollständig finanzierbar ist.
Individuelle Verantwortung und staatliche Pflicht
Angesichts der zu erwartenden Veränderungen wird Prävention und Gesundheitsförderung zur zentralen Systemstrategie. Jede vermiedene oder verzögerte Erkrankung, jede verkürzte Reha, jede hinausgezögerte Pflegebedürftigkeit entlastet ein ohnehin überlastetes System – personell wie finanziell. Dabei darf der Staat ausdrücklich nicht aus seiner Verantwortung entlassen werden. Investitionen in Prävention, Personalgewinnung und Systemstabilisierung bleiben zentrale politische Aufgaben.
Parallel dazu gilt jedoch: Warten Sie nicht darauf, dass Staat oder Markt das regeln. Die eigene körperliche und kognitive Fitness ist eine Schlüsselressource in einer Welt knapper Versorgungskapazitäten. Therapeutisches Training und strukturierte Bewegungsprogramme sind die zentralen Werkzeuge, um diese Belastbarkeit zu erhalten oder zu erweitern.
Training ist damit eines der wenigen, frei verfügbaren Mittel, um die Defizite eines künftig weiter unter Druck stehenden Gesundheitssystems zumindest teilweise auszugleichen. Nicht als Ersatz für medizinische Versorgung oder Physiotherapie, sondern als Stabilisierung davor, dazwischen und danach. Als individuelle Ressource in einer Zeit, in der kollektive Ressourcen knapper werden.
Die Effekte von regelmäßigem Training entstehen nicht über Nacht. Je länger und regelmäßiger trainiert wird, desto größer sind die Vorteile für Gesundheit und Wohlbefinden. Gleichzeitig gilt: Bereits ein wenig Training ist deutlich besser als gar keines.
Jede Minute intensiver Bewegung ist eine Investition – in Gesundheit und Zukunft.
Dieser Beitrag basiert auf einem Artikel, der in der Vereinszeitung des Turnvereins 1848 Erlangen e.V. erschienen ist.
